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Wie wir loslassen können

Loslassen können ist eine der schwersten Übungen für viele von uns. Wie schwere Ankerketten halten uns Ängste und Erwartungen fest. Es scheint uns unmöglich, unser Lebensschiff aus dem sicheren Hafen hinaus auf das Meer zu steuern: wir verkümmern lieber am Dock anstatt in das Leben einzusteigen und die frische Brise der Freiheit um die Nase zu spüren. Doch wie schaffen wir es, dass wir freiwillig und vollen Mutes, loslassen und unser Leben nachhaltig und glücklich erfahren können?

Das Bild des Schiffes, das festgezurrt am Kai liegt, passt sehr oft. Ein Schiff ist nicht dazu gedacht, immer nur vor Anker zu liegen. Es ist dafür geschaffen, hinaus auf die See zu fahren, Stürmen zu trotzen, Menschen und Güter an neue Orte zu bringen. Unser Leben ist auch nicht dafür gedacht, immer nur zu verharren und mit Ankern gebunden zu sein. Leben ist zum Leben da und nicht zum Stillstand. Leben an sich ist eine Vorwärtsbewegung. Wenn wir immer uns durch Anker aufhalten lassen in unserem Lebenslauf, dann vermodern wir an der Hafenkante und können das Leben nicht spüren und zu unserem Vorteil voll auskosten.

Was aber lässt uns denn die Anker lichten und loslassen?

Der schwierigste und frustrierendste Weg loszulassen, ist wenn uns einfach schlichtweg die Kräfte ausgehen. Wir können einfach nicht mehr die Leine halten, die Ankerkette reißt, weil sie brüchig ist, oder es fehlt die Energie. Um so weit zu kommen, braucht es oft Jahre. Diese Zeit bis zum Loslassen ist dann sehr anstrengend und saugt unendlich Energie ab. Energie und Kraft, die wir andernorts besser einsetzen könnten. Wir halten aber so lange an etwas fest, weil wir nicht loslassen wollen. Sei es aus Angst, sei es aus Verpflichtungen, sei es aus einer zwanghaften Situation heraus. Denn die Kraft müssen wir ja aufbieten, weil eine andere Kraft uns eigentlich weg zieht: vielleicht hinaus auf’s Meer? Vielleicht weil wir erkennen, dass dort eigentlich unser Leben stattfindet und nicht im Hafen.

Eine andere – oft auch sehr schmerzhafte – Art des Loslassen ist dann gegeben, wenn dies mit Gewalt geschieht. Das sind Situationen, in denen uns etwas entrissen wird. Ein plötzlicher Tod eines lieben Menschen, der Verlust einer Beziehung, der berufliche oder finanzielle Rückschlag oder andere unglückliche Umstände. Hier haben wir keine Wahl: die Bindung zu jemand oder an etwas wurde gekappt und wir stehen plötzlich losgelöst da. Nicht selten beschleicht uns zurecht in solchen Umständen das Gefühl der Bodenlosigkeit, des freien Falls. Bindungen, die eben auch nützlich sein können (ein Anker hat ja auch seinen guten Zweck) fehlen uns ganz plötzlich und wir sind schutz- und haltlos dem widrigen Lebenssturm ausgesetzt. Hier benötigen wir viel Mühe, sowie mentale und emotionale Gesundheit, um damit zurecht zu kommen und unser Lebensschiff zu steuern. Auch das kostet auf Dauer unendlich Kraft; ist aber leider nicht immer zu vermeiden. Die Kraft ist aber gut eingesetzt, weil wir lernen und uns damit auch stärken im Umgang mit unserem Schicksal.

Freiwillig loslassen ist die herausforderndste und erfüllendste Weise sich dem Leben anzuvertrauen

Schließlich gibt es noch eine dritte Variante des Loslassen, die ich besonders betrachten will: Das freiwillige Loslassen. Es ist sicherlich die auf eine Art herausforderndste, aber auch die erfüllendste Weise sich dem Leben anzuvertrauen. Wir tun das am einfachsten dann, wenn die Aussicht auf ein neues Ziel so verlockend und attraktiv ist, dass es ‚gar kein Halten‘ gibt. Wir sind motiviert und angezogen von dem, was uns da als lukrativ erscheint, so dass wir loslassen, was uns davon abhält, es zu erreichen. Wie ein Seefahrer mit seinem Schiff los steuert und sich sicher ist, einen Schatz zu entdecken, so kappen wir in diesem Momenten die Anker. Das ist deshalb einfach, weil wir meistens in diesen Fällen ja auch ahnen bzw. sogar konkret wissen, was uns erwartet; weil wir eventuell auch sehen, was wir erreichen wollen und bekommen können, wenn wir loslassen.

Was aber wenn dieser Anreiz uns fehlt? Wenn loslassen auch bedeutet, sich auf etwas Ungewisses einzulassen? Wie schaffen wir da es, trotzdem freiwillig hinaus auf die See zu fahren? Oft stehen uns da die Ängste und Erwartungen im Kopf im Wege. Sie sind virtuelle Anker, die uns im Hafen festhalten. Diese Ängste sind völlig normal. Dafür muss sich niemand schämen. Ängste sind manchmal ja auch ein gesunder Warnfaktor. Doch in den meisten Fällen ein unnötiger Anker.

Unsere Gedanken sind die Anker – und das Urvertrauen, der Wind, der uns hinaus trägt

Um die Ängste und Erwartungen im Kopf zu überwinden benötigen wir ein gutes Maß an Urvertrauen. Das Vertrauen in uns selbst, unser Leben, unsere Talente, Können, Möglichkeiten und vor allem in unser Schicksal. Dieses Urvertrauen ist in uns drin. Wir werden damit geboren und wachsen auch damit auf. Als kleines Kind springen wir von der höchsten Mauer in die Arme unserer Mutter oder Vater oder anderen Person unseres Vertrauens. Wir denken dabei garnicht nach. Wir haben einfach Vertrauen. Erst durch das Denken wird das Vertrauen gestört.

Das Denken, das die Ängste entwickelt und negative Erwartungen erzeugt, überlagert dann irgendwann einmal unser Urvertrauen. Die Gedanken bauen auf Erfahrungen auf, weil wir dann doch beim einen oder anderen Sprung eventuell übel aufgeschlagen sind und uns verletzten. Im Laufe des Aufwachsen und Lebens erleben wir Enttäuschungen. Wir erfahren Verletzungen und unsere Seele vernarbt – die Haut wird dick und doch sensibel. Wir kommen an unsere eigenen Gefühle nicht mehr heran. Und Urvertrauen ist eben auch Gefühl. Gefühl für sich selbst und für das eigene Vermögen und Schicksal.

Urvertrauen kann man aber wieder entwickeln. Wie eine Wurzel in der Erde ist es bei uns für immer vorhanden. Wir müssen es nur hegen und aufbauen. Dazu muss man in erster Linie einmal fest daran glauben. Das ist schon der erste, wichtige Schritt. Egal wie schrecklich und schwer die Situation ist, alleine schon der Glaube an dieses Urvertrauen reicht schon aus, um das Pflänzlein wachsen zu lassen. Glaube versetzt Berge, heisst es doch. Also wird Glaube auch ausreichen, um eine kleine Pflanze zu nähren. Urvertrauen und der Glaube daran verbunden mit dem Glauben, dass das Schicksal – egal wie übel es einem mitspielt – sind in meinen Augen die wichtigsten Lebensquellen, die uns zur Verfügung stehen.

Mein Tipp ist, sich wirklich einmal in dem Glauben an das Urvertrauen zu üben. Diese Urvertrauen dann zu spüren und zu zulassen. Sich dem Fluss des Schicksals anzuvertrauen – ohne aber alles mit sich geschehen zu lassen. Wie ein Kapitän sein Schiff von Winden führen lässt und doch auch steuert, so müssen wir unser Leben in Verbindung mit dem Schicksal leiten und uns dem Kurs der Winde auch immer wieder anvertrauen.

Zwei einfache Übungen für dein Urvertrauen

Zwei praktische Übungen habe ich zum Ausprobieren. Ich hab diese selbst angewendet, wenn es bei mir ums Loslassen ging und es mir schwer fiel. Ich sage es hier ganz ehrlich: ich bin ein ganz schlechter „Loslasser“ und deshalb sind diese Übungen auch mir nicht leicht gefallen.

Die eine Übung: Um das Urvertrauen wieder zu spüren, habe ich mir auferlegt, dass ich daran ständig denke. Ich ersetze Ängste und Erwartungen „einfach“ mit positiven Gedanken daran, dass es das Schicksal gut mit mir meint. Dabei schenke ich mir ein Lächeln. Wenn ich gerade besonders schwere „Loslassen“-Situationen erlebe, dann nutze ich sogar einen Timer dafür: ich lass mich durch einen Alarm auf meinem Handy sogar schon mal im 10-Minuten-Takt daran erinnern, dass ich nun wieder einfach paar Gedanken an mein Urvertrauen und ein Lächeln gönnen soll. Es mag ein wenig naiv und einfach klingen. Aber Urvertrauen braucht keine komplexen Rituale oder Methoden. Es ist da und Du musst es einfach nur zulassen und spüren.

Die andere Übung tut mir auch gut und hilft ebenfalls, mehr Urvertrauen für sich und das Schicksal zu entwickeln. Urvertrauen ist eigentlich nichts anderes als pure Liebe. Liebe für sich und das Leben. Liebe für andere und die Welt. Wenn es also darum geht, einen Menschen loszulassen, dann tue ich das mit Liebe. Denke an einen Mensch, der dich verlässt oder dich enttäuscht oder auch ärgert, mit Liebe. Schicke ihm oder ihr deine ganz aufrichtige, erwartungsfreie und konditionslose Liebe. Sag dir von ganzem Herzen, dass du dieser Person alles Gute und Liebe wünscht. Du wirst sehen, wie das gut tut und wie es dir selbst warm ums Herz wird. Das ist Urvertrauen.

Hab Vertrauen in Dein Schicksal, wenn Du einem Menschen, eine Begierde oder eine Hoffnung loslassen musst. Schick Liebe anstatt Gram, Wut oder Herzschmerz. Beweine kein Verlust eines Objektes, und erfreue dich daran, dass es überhaupt einmal in deinem Leben war. Sei nicht traurig, wenn Hoffnungen zerplatzen – sie machen nur Platz für neue, bessere Möglichkeiten. Lass dein Kopf und Herz nicht voll werden mit dem, was nicht ist, sonst ist darin kein Platz für das, was sein kann.

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